Interview

Autoren-Interview mit Ulrike Blatter

Hallo zusammen,

heute habe ich mal etwas ganz anderes für euch. Ich durfte nämlich die Autorin Ulrike Blatter interviewen, was mich sehr gefreut hat. Allerdings interessierte mich nicht nur ihre Schreibarbeit, sondern auch die Dinge, die sie während eines 5-jährigen Aufenthaltes in Slowenien erlebte und verschiedene Projekte, die sie unterstützt.

 

Quelle: http://www.ulrike-blatter.de

1. Seit wann schreibst du und wie bist du darauf gekommen? 

 

Ich schreibe seit meiner Kindheit, wollte mit acht Jahren unbedingt einen Roman schreiben, der jedoch nach zwei Seiten (Schönschrift! SEHR Große Buchstaben!!) rettungslos versandet ist … Ich habe aber einfach immer so vor mich hingeschrieben, vor allem Gedichte, so, wie wahrscheinlich alle Teenager. Ich fand dann Anschluss an eine Schreibgruppe und hatte mit 18 erste kleine Veröffentlichungen. Dann wurde ich Ärztin … und meine Doktorarbeit in Rechtsmedizin war so spannend, dass ich meinem Mann sagte „Oje … das ist sicher nicht wissenschaftlich genug …“ Aber diese Ängste waren unbegründet. Die Arbeit wurde angenommen und aus der sibirischen Eis-Mumie, die ich untersucht hatte, wurde eine Figur in meinem ersten Roman „Die Vogelfrau“. Und so ging es weiter: Ich arbeitete als Rechtsmedizinerin und in den ehemaligen Kriegsgebieten auf dem Balkan und schrieb und schrieb und schrieb … Gedichte, Fachartikel und erste Entwürfe meiner Romane. Ich wurde Mitglied einer Schreibwerkstatt und fand dort den Mut zu ersten Veröffentlichungen in einem Publikumsverlag.

2. Du bist ja eigentlich Ärztin. Bist du in diesem Beruf noch tätig?

Ich habe in der Schweiz in Rechtsmedizin und Sozialpsychiatrie gearbeitet. Vor allem mit traumatisierten und süchtigen Menschen. Das hat mich tief geprägt. Es ist eine wichtige und spannende Arbeit. Aber es ist auch psychisch belastend und als unsere Tochter geboren wurde, reduzierte ich auf Teilzeit. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass ‚das Negative‘ in meinem Leben überhand nahm und ich eine Auszeit brauchte. Da kam unser Aufenthalt in Slowenien gerade recht … 2010 hatte das Schreiben einen so großen Raum in meinem Leben eingenommen, dass ich den Arztberuf aufgab. Aktuell gebe ich Workshops als Dozentin in der Erwachsenenbildung im Bereich Psychotherapie. Insofern bleibe ich meinem Beruf auch weiterhin treu.

3. Wie kam es dazu, dass du fünf Jahre nach Slowenien gegangen bist? Wann war das?

1997 zogen wir nach Slowenien. Mein Mann betreute dort ein Projekt einer Firma. Eigentlich waren nur zwei Jahre geplant … aber wie es so oft ist: „Leben ist das, was passiert, wenn du Pläne machst …“ Ich habe dort unser zweites Kind bekommen, hatte viel Zeit zum Schreiben, genoss die unglaubliche Gastfreundschaft, lernte Italienisch und Land und Leute kennen. Als Ärztin durfte ich dort nicht arbeiten, suchte mir aber ein ehrenamtliches Engagement im Bereich Suchtprävention in den Nachkriegsgebieten Ex-Jugoslawiens. Was ich damals nicht wusste: dass mich diese Arbeit bis heute begleiten würde …

4. Inwiefern beeinflussen die Erlebnisse dort deine Texte?

Die Begegnung mit kriegstraumatisierten und süchtigen Menschen finden sich vor allem in meinen ersten drei Romanen, der ‚Bloch-Trilogie‘ (Vogelfrau, Der Mann, der niemals töten wollte und Nur noch das nackte Leben). Ein weiteres, wichtiges Thema ist Korruption. Kriegserfahrungen, Flucht und leider auch Korruption sind ja ‚Dauerbrenner‘ auch in der Presse. Vielleicht finden meine Bücher deswegen in letzter Zeit immer mehr Leser?
Jedenfalls weiß ich genau, was ich schreibe. Ich weiß, wie es an einem Tatort aussieht, an dem ein Mensch brutal umgebracht wurde, ich weiß wie sich eine Frau kurz nach einer Vergewaltigung benimmt – mein einziges Problem ist: wie dosiere ich diese und andere Bilder, damit sie nicht zum Selbstzweck und zum billigen Splatter werden und was lasse ich zu, auch wenn es meinen Lesern unter die Haut geht. Eine Rezensentin nannte mich einmal eine ‚präzise beobachtende Gewaltanalystin‘. Das lasse ich jetzt einfach mal so stehen …

5. Die Leseförderung bei Kindern scheint für dich eine große Rolle zu spielen. Wie genau setzt du dich dafür ein?

Ich lese in Schulen und schreibe gemeinsam mit Kindern Texte. Außerdem mache ich regelmäßig Bibliothekslesungen und –Führungen. In letzter Zeit ist jedoch der Deutschunterricht für drei junge Migranten sehr in den Vordergrund getreten; da definiert sich Sprachförderung noch einmal ganz anders. Aber da die drei gute Fortschritte machen, können sie mich vielleicht demnächst unterstützen? Wer weiß … vielleicht gibt es eine ganz neue Schreibwerkstatt? Ich hätte eine Menge Ideen, aber der Tag hat ja ‚nur‘ 24 Stunden 😉

6. Darf man auch erfahren, wessen Biographien du im Ghostwriting geschrieben hast? 😉

Nein, da stehe ich unter Schweigepflicht. Aber so viel kann ich verraten: es war ein älterer Herr, ein Querdenker, Lebenskünstler und Erfinder, der mit mir ein ganzes Lebenspanorama erarbeitet hat. Bei unseren Gesprächen und später beim Schreiben fühlte ich mich reich beschenkt.

7. Du hast noch einige Projekte mehr, für die du dich einsetzt. Welche genau sind das, und wieso sind sie dir so wichtig?

Am wichtigsten ist mir unser Projekt für junge Menschen in Bosnien. Kurz zusammengefasst bilden wir bosnische SchülerInnen und StudentInnen aus, die dann ehrenamtlich Kinder unterstützen, die sich in schwierigen Situationen befinden. Als ‚ältere Schwester‘ oder ‚älterer Bruder‘ begleiten sie über längere Zeit ein Kind aus dem heim, aus schwierigen Familienverhältnissen oder gar ein Straßenkind und versuchen diesem Kind Lebenskompetenz, Bildung und vor allem Zuversicht und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu vermitteln. Es würde zu weit führen, wenn ich hier alles ganz genau erkläre, aber eins ist mir wichtig: Die oft extrem vernachlässigten Kinder bekommen durch uns oft das erste Mal im Leben wirklich eine Chance (z.B. die Schule zu besuchen). Und die StudentInnen werden von uns aus- und weitergebildet, erhalten durch dieses Projekt erste Berufserfahrungen und haben in Bosnien bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Das ist unheimlich wichtig in einem Land, das seinen jungen Menschen kaum eine Perspektive bietet – mit diesem Projekt verhindern wir aktiv Flucht vor Armut! http://www.ulrike-blatter.de/mein-projekt-2/

8. Wie kam es dazu, dass du mit deinem neuen Buch den Wiederaufbau des Stadtarchivs Köln unterstützen möchtest?

Ich bin Kölnerin und als das Stadtarchiv einstürzte, hat es auch mir ein bisschen den Boden unter den Füßen weggerissen. Ich habe in dem betroffenen Stadtviertel einen großen Teil meiner Kindheit verbracht. So war die Recherche zum Teil ein ‚back to the roots‘ – und andererseits möchte ich mich mit meinen bescheidenen Mitteln dafür einsetzen, dass ein Teil des Schadens wieder gutgemacht werden kann. Ich weiß, das ist absolut größenwahnsinnig, denn die Restaurierung der beschädigten Dokumente wird noch dreißig Jahre dauern und selbst wenn mein Buch ein Bestseller würde, wäre mein Beitrag nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Aber vielleicht kann ich durch meine Aktion andere Spender motivieren? Dann hätte ich schon etwas erreicht! Andererseits, wenn ich es mir so überlege … Bestseller …. klingt auch nicht schlecht, oder?!

Ich bedanke mich ganz herzlich für dieses Interview! Wenn ihr noch mehr über Ulrike Blatter und ihre Bücher erfahren wollt, besucht doch ihre Webseite: www.ulrike-blatter.de/

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