4 Sterne · Rezensionen

DIE NACHMITTAGSKINDER – Helga Beyersdörfer

IMG_6011Schönen Tag noch“, ruft Jolande ihm hinterher, während sie gleichzeitig zu ihrem Computer eilt und mit einem Klick die Jobsuche fürs Erste auf Eis legt.
Sie hat alles, was sie braucht: eine Geschäftsidee, das Büro dazu und die Kundschaft vor der Nase.
– Die Nachmittagskinder: S. 26

Die Geschichte:

In einer Seitenstraße nahe der Stadt liegt ein ganz normales Mehrfamilienhaus. Sechs Wohnungen befinden sich dort. Im zweiten Stock lebt die 19-jährige Jolande mit ihrer stets besorgten Mutter. Von genau dieser möchte sie ein bisschen Abstand gewinnen, denn sie steckt mitten im Abi und findet, sie ist zu alt um immer bemuttert zu werden. Ein Glück für Jolande, dass sich ihr die Möglichkeit bietet, im Souterrain des Hauses ein kleines Büro einzurichten. Eigentlich will sie dort tagsüber wohnen und lernen. Doch schnell wird mehr aus ihrer Idee des ersten eigenen Reichs. Denn auch die Miete dieses kleinen Raumes muss bezahlt werden. Als plötzlich zwei Kinder vor ihrem Souterrainfenster auftauchen, kommt ihr eine Geschäftsidee. Sie will ein „Büro für bezahlte Dienstleistungen“ eröffnen. Doch aus einer Idee wird schnell mehr und sie zieht mehr nach sich als Jolande anfänglich vermutet hätte. Denn plötzlich merken alle Bewohner des Hauses eine Veränderung, die die Anonymität des Hauses zu vertreiben scheint. Und das nur, weil sich eines Tages das Fenster im Souterrain öffnete…

Meine Meinung:

Eigentlich ist das Buch von meiner Mutter und eigentlich wollte ich auch nur mal kurz schauen, worum es geht. Allerdings fand ich die Story so cool, dass ich beschlossen habe, mal rein zu lesen. Und wie ihr seht, habe ich das Buch wenig später auch beendet. 😀

Die Grundidee finde ich einfach total süß. Jolande ist gerade mitten im Abi (also genau wie ich) und will ein bisschen Ruhe und Zeit für sich haben. Darum mietet sie das Souterrain und richtet sich dort ein Arbeitszimmerchen ein. Allerdings ist der Roman nicht aus Jolandes Sicht erzählt. Vielmehr handelt es sich um einen auktorialen Erzähler, der alles zu überblicken scheint. So bekommt man einen Einblick in das gesamte Haus und dessen Bewohner. Am Anfang war ich erst ein bisschen verwirrt, weil der Erzähler immer „wir“ schreibt. Also zum Beispiel „Wir beobachten, wie Jolande dies und das tut“. Aber nachdem ich verstanden hatte, dass mit „wir“ die Leser gemeint sind, habe ich mich sehr schnell in diese Erzählweise eingefunden.

Auch wenn das Buch nicht allzu viele Seiten hat und verhältnismäßig viele Personen vorkommen, die eine wichtige Rolle spielen, wurden diese meiner Meinung nach wirklich gut ausgearbeitet. Nur einige wenige Personen bleiben eher oberflächlich, was aber auch passt, denn das sind ausschließlich welche, die nicht in dem Haus leben. Die Leute aus den einzelnen Wohnungen haben mir aber sehr gut gefallen. Es waren sehr facettenreiche Persönlichkeiten, die alle ganz verschiedene Probleme hatten, bei denen sie Jolandes Hilfe benötigten. Von Nachhilfe im Skypen bis hin zur Betreuung eines Klempners ist alles dabei.
In Jolande, die dann ja doch noch irgendwie die Protagonistin des Buches ist, konnte ich mich in manchen Situationen zwar hineinversetzen, aber oft blieb sie für mich auch ein bisschen undurchsichtig. An manchen Stellen hat man das Gefühl, sie würde total unmoralisch handeln, aber andererseits kann man sie total nachvollziehen, wenn man ihre eigene Situation betrachtet.
Die anderen Personen haben mir ebenfalls gut gefallen, auch wenn einige auf den ersten Blick total unsympathisch wirken. Denn eine Sache, die das Buch zeigt, ist ganz einfach: Ein Blick hinter die Fassade lohnt sich, denn dort entdeckt man Charaktere, die man vorher nie erwartet hätte.
Eine Veränderung wird bei allen Personen des Hauses klar. Am Anfang gehen sie sich aus dem Weg, wissen nicht einmal, wie die anderen Leute, mit denen sie unter einem Dach wohnen, heißen. Doch je weiter die Geschichte fortschreitet, desto mehr neue Verbindungen entstehen zwischen den Personen.
Mehr will ich zu dem Personenensemble eigentlich gar nicht sagen, denn ich habe ein bisschen Angst, zu viel zu verraten.

Der Schreibstil hat mir auch total gut gefallen. Das Buch lässt sich sehr einfach lesen und der Stil ist stellenweise auch etwas poetisch, vor allem, wenn die Metapher des Hauses aufkommt. (Achtung, hier kommt der Deutsch LK durch. :D) Denn das Haus, in dem die Personen des Romans leben, spiegelt meiner Meinung nach auch das Verhältnis eben dieser wider. Diese Idee hat mir wirklich gut gefallen.

So, mehr will ich aber auch eigentlich gar nicht verraten. Ich sage nur so viel: Lest dieses Buch! Es dauert wirklich nicht lange, da es nur ca. 200 Seiten hat, aber es ist ein tolles Leseerlebnis, das sicherlich auch den Alltag des ein oder anderen bereichern kann.

Fazit:

Dieser Roman ist völlig anders als die Bücher, die ich sonst lese, aber trotzdem konnte er mich wirklich begeistern. Die Personen sind sehr facettenreich und man merkt, wie sie sich innerhalb der Geschichte verändern. Ganz einfach gesagt: Dieses Buch zeigt nicht nur auf wundervolle Weise, wie sich das Leben vieler Personen verändern kann, wenn man selber einfach mal etwas aufmerksamer wird, sondern auch, dass man manchmal einfach mal hinter die Fassade der Leute blicken sollte. Da das Buch mich wirklich überrascht und mir echt gut gefallen hat, bekommt es von mir

★ ★ ★ ★ ½ von 5

Die Nachmittagskinder:
219 Seiten, 12,99€ (Broschiert), 10,99€ (E-Book), erschienen im Knaur Verlag

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